Mittwoch, 7. Dezember 2016

Verpackungsmüll

Dem Kommentar in der heutigen OZ ist eigentlich nur wenig hinzuzufügen. Vielen Dank!
Die Miniportion Kaffee wird in Plastikkapseln verkauft, Hunderttausende Coffee-to-go-Becher landen pro Stunde im Müll. In der Rangliste der müllproduzierenden Nationen belegt Deutschland einen der traurigen Spitzenplätze.
Die Konsequenz?
Sinnvoller ist es, so weit wie möglich auf Verpackungen zu verzichten: den Käse und die Wurst vielleicht mal wieder an der Frischetheke kaufen und die Äpfel und Birnen uneingeschweißt auf dem Markt. Da gibt es übrigens auch Bohnenkraut. Ohne Plastik.
Das Wenige, was hinzuzufügen ist, ist die Auseinandersetzung über das aufzuwendende Geld. Viele denken, sie könnten mit ihrem geringen Einkommen nur beim Discounter einkaufen, weil Bio so teuer ist. Damit produzieren sie aber höllisch viel Verpackungsmüll:
Wir suchten frisches Bohnenkraut – und fanden es umhüllt von Plastik: vier, fünf magere Stängel in einer durchsichtigen Plastikschale, eingewickelt in Plastikfolie – mehr Kunststoff als Gewürz.
Es ist nicht teurer, auf dem Markt und mit möglichst wenig Verpackung einzukaufen. Unter Umständen muss man sich bei der Menge einschränken; um beim Beispiel Bohnenkraut zu bleiben: Beim Kochen wird man bestenfalls die Hälfte des Bohnenkrauts verbrauchen. Die andere Hälfte gammelt danach im Kühlschrank vor sich hin, ehe sie weggeworfen wird - samt Verpackung.

Dann hätte man zum selben Preis gleich eine kleinere Menge in Bio-Qualität ohne Verpackung kaufen können.

Der finanzielle Aufwand ist derselbe...



Dienstag, 6. Dezember 2016

Kasse machen bis zum Erbrechen

Atomausstieg: Konzernen steht «angemessene» Entschädigung zu

schreibt die FAZ.

Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.


"Solidarität" (!?)

Die Landesregierung in Schwerin macht es sich vergleichsweise einfach. Nachdem sie die Kommunen durch Aufgabenzuschiebung finanziell geschädigt hat, ihrem Subsidienz-Auftrag nicht nachkommt und die Gemeinden am ausgestreckten Arm verhungern läßt, sie durch eine Kreisstruktrur"reform" im finanziellen Mark getroffen und ihnen durch die Justiz"reform" die staatliche Präsenz entzogen hat, kommt Brodkorb jetzt auf die Idee, nicht etwa die Gemeinden auskömmmlich zu finanzieren, nein: durch "Querfinanzierung" ohne Zutun des Landes die Kommunen sich gegenseitig kannibalisieren zu lassen.

Großartig!

Nachdem er mit der Theater"reform" schon seine Mission erfüllt und dem Land enorme Ersparnisse zu Lasten der Einwohnenden beschert hat, setzt er nun diesen Auftrag im Rahmen der Gemeindefinanzierung fort.

Und diese GroKo ist für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt! Nicht auszumalen, was sie am Ende an Flurschaden hinterlassen haben wird!

Und diese Landesregierung besitzt auch noch die Frechheit, von "Solidarität" zu sprechen...

Aber jedes Staatsvolk verdient die Regierung, die es sich selbst gewählt hat.


Montag, 5. Dezember 2016

Update zu "Gesteuerte Proteste?"

Auch ein Beitrag zum Internationalen Tag des Ehrenamtes

Heute, wie an jedem 05.12., ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. Es wäre sicherlich naiv gewesen zu glauben, auf der Seite des Landkreises Vorpommern-Greifswald an diesem Tag eine Würdigung der ehrenamtlichen Arbeit in der Notunterkunft "Feldstraße" in Greifswald zu finden. Vielmehr wurde noch vor einigen Tagen den Ehrenamtlichen unterstellt, Proteste der Geflüchteten gesteuert zu haben. Und ernst nehmen könne man die Ehrenamtlichen ohnehin nicht.

In dem zuvor verlinkten Beitrag konnten wir Geflüchtete und Ehrenamtliche zu Wort kommen lassen. Heute haben wir zwei weitere Stimmen zu den Ereignissen.

Elisabeth: "Ehrenamtliche und Hauptamtliche gegeneinander auszuspielen bringt niemandem etwas, besonders nicht, wenn dies auf dem Rücken von Geflüchteten geschieht. Es sollte auch im Nachhinein nicht um angebliche (an dieser Stelle zu erwähnen: weder nachgewiesene noch überhaupt verständliche) Anstachelungen und "gesteuerte Proteste" (?) gehen, sondern darum, was in Zukunft für die Situation von Geflüchteten hier verbessert werden kann. Es waren an jedem Tag Ehrenamtliche vor Ort und haben versucht, die prekäre Situation ein wenig erträglicher zu machen. Solche Vorwürfe von einer Person wie Herrn Scheer zu hören, tut weh und diffamiert das Engagement von vielen Personen.
Also wieso wird jetzt in aller Öffentlichkeit über Geflüchtete und Ehrenamtliche gesprochen und nicht im persönlichen Gespräch mit ihnen?
"

Laura-Ann: "Ich wünschte mir, dass Herr Scheer endlich mal verstehen würde, dass ohne die massive ehrenamtliche Hilfe die „Turnhallenzeit“ ein Desaster für die Kompetenz des Landkreises gewesen wäre. Es ist sehr einfach Ehrenamtliche zu diffamieren, um davon abzulenken mehrere eigene Versprechen nicht eingehalten zu haben. Ich frage mich auch, woher Herr Scheer seine Informationen hat, um die damalige Situation überhaupt in einer solch abwertenden Haltung beurteilen zu können, wo er selbst doch fast nie vor Ort war.
Tatsache ist, dass die ehrenamtlichen Helfer viele Gespräche mit den Geflüchteten geführt haben, damit Proteste eben nicht eskalieren. Hätte er nur etwas Zeit investiert, dann hätte er das sehr deutlich gesehen. Aber wenn man nur mit Leuten zu tun hat, die nur vor Ort sind, wenn Kameras kommen, um sich selbst zu profilieren, dann kann die Wahrnehmung schon mal etwas verzerrt werden. Beispielsweise der Vorwurf die Geflüchteten seien animiert worden die Betten rauszutragen, ist schlichtweg falsch, denn es war klar, dass diese Form des Protestes nichts bringen würde. Viele Privatpersonen haben viel Zeit, Energie und Menschlichkeit in die Halle getragen, welche von den Verantwortlichen auf politischer Ebene nicht zu erwarten oder gar zu spüren war. Solche Unwahrheiten der Öffentlichkeit zu präsentieren ist schon etwas peinlich. Wenn die Bitten nach Zugang zum Wäsche waschen (nach 2 Wochen wohlgemerkt) und die Möglichkeit einer ärztlichen Versorgung als „nicht Ernst zu nehmen“ eingestuft werden, dann frage ich mich, was für den Herrn Scheer denn als „wichtig“ gesehen wird?
Herr Scheer: Das Mensch sein ist uns gegeben, Menschlichkeit zu erhalten ist eine Entscheidung. Wäre schön, wenn Sie mal eine Entscheidung treffen würden. Ohne die Ehrenamtlichen hätten sie sehr sehr alt ausgesehen!"

Autofahrende

Wir haben alle noch die Nummer im Kopf, dass autofahrende Hubschraubereltern sich über das Verkehrschaos an Schulen morgens zwischen halb acht und halb neun beschweren, das ihre Kinder gefährde, und "dass die Stadt was tun müsse" - während sie selbst es sind, die das Chaos erzeugen.

Mein Verdacht, dass Autofahrende zur Selbstreflexion nur eingeschränkt fähig sind, hat sich heute morgen bei Lektüre unserer Lokalzeitung genährt. Wir alle (?) lieben Weihnachtsmärkte. Wir alle (?) lieben sie besonders, wenn sie gut gefüllt sind, d. h. viele Menschen auf den Weihnachtsmärkten sind. Die müssen alle irgendwie dahinkommen, denn wohnen tut dort keiner. Ich frage mich ernsthaft, wie es zu so einer Überschrift kommen kann:


Hallo? Wie blöd muss ich denn sein, um zu erwarten, dass ich in der Zeit eines gut besuchten Weihnachtsmarktes einen Parkplatz unmittelbar neben der letzten Bude des Weihnachtsmarktes, natürlich umsonst (!), bekomme?

Aber was rege ich mich auf. Was anderes kann man denn von Autofahrenden schon erwarten?

Samstag, 3. Dezember 2016

Gesteuerte Proteste?

Zum wiederholten Male gelingt es dem Sozialdezernenten des Landkreises Vorpommern-Greifswald, Dirk Scheer, die Behauptung in der Presse unterzubringen, die Proteste der Geflüchteten in der als Notunterkunft hergerichteten Turnhalle "Feldstraße" in Greifswald seien gesteuert gewesen. Wohlgemerkt, als Behauptung, ohne dass nachgefragt wird, Beweise hat er anscheinend keine. In einem Nordkurier-Interview vom 02.11.16 (leider nicht online) anlässlich einer Integrationskonferenz sagt er auf die Anmerkung des NK, "das Verhältnis zwischen Kreis und Ehrenamtlichen war nicht immer harmonisch. Vergangenes Jahr gab es Streit um eine Gemeinschaftsunterkunft in einer Turnhalle..",wörtlich: "Ja, da sind Proteste gesteuert worden. Das ging schon am zweiten Tag los, nach dem wir eine Notunterkunft errichtet haben. In dieser Hoch-Zeit im vergangenen Jahr war die Belastung psychisch und körperlich für alle Beteiligten enorm. Und einige Forderungen, die damals von Ehrenamtlichen kamen, konnte ich dann auch nicht ganz ernst nehmen."

Vor etwas mehr als einem Jahr wurden ca. 50 Geflüchtete in der Turnhalle, die vom Landkreis euphemistisch "Pufferunterkunft" genannt wurde, obwohl "Not" angesichts der Zustände sicher der bessere Begriff gewesen wäre, untergebracht. War zunächst von Tagen als Übergangsfrist die Rede, wurden daraus Wochen, und das in einer Atmosphäre, die keinerlei Privatsphäre erlaubte.





Nachdem sich die Verhältnisse - ich selber war nahezu täglich dort - trotz gegenteiliger Versprechen nicht besserten, protestierten die geflüchteten Menschen, in dem sie ihre Betten vor die Turnhalle stellten und erst bei konkreten Zusagen zurück wollten, das alles Anfang November 2015.




Es wird Zeit, die Geflüchteten selber zu Wort kommen zu lassen.

Basem: "Was heißt gesteuert? Hält dieser Mann uns für Kinder? Hat dieser Mann Kinder? Kann er sich denken, wie es ist, die Familie zurückzulassen, nachdem das eigene Haus zerstört wurde? Kann er sich denken, wie es ist auf der Flucht zu sein? Wochen oder Monate zu fliehen und dann von einem Zeltlager in ein Camp in eine  Turnhalle geschickt zu werden? So wie ich mich entschieden habe, meine Familie zurückzulassen, habe ich mich entschieden auf den  Sportplatz zu gehen mit meinen Freunden und meinem Bett."

Hani [Name von der Redaktion geändert]: Ist das der Mann, der Tage nach dem Streik in der Halle sagte: "Die Betten sehen gut aus. Er möchte eins testen, aber er hat Rückenschmerzen? Ist das der Mann, der mit keinem von uns gesprochen hat? Ist das der Mann, der uns verboten hat, zu den Besprechungen zu gehen? Ohne Rafael und die Volunteers hätte es ganz viel mehr Probleme gegeben."

Mohammad [Name von der Redaktion geändert]: "Wir sind erwachsene Männer und brauchen keinen, der uns sagt, was wir tun. Ihr [gemeint sind die ehrenamtlichen Helfer*innen] ward immer für uns da, habt euch viel Mühe gegeben. Ihr habt die Arbeit gemacht, für die diese Männer eine Menge Geld bekommen.  Ihr habt eure Zeit, euer Geld, eure Hilfe und eure Liebe gegeben. Wir haben die Demonstration für uns begonnen und für euch beendet. Weil ihr soviel Menschlichkeit habt. Weil ihr Freunde geworden seid."

Und die Ehrenamtlichen meinen:

Yitzhak: "Meine gute Erziehung verbietet es mir, darüber zu philosophieren, wer vom  "Geschäft Flüchtling" gesteuert ist.
Nachdem sich die Flüchtlinge bereits zweimal haben von den Helfern vor Ort beschwichtigen lassen, kam es unweigerlich eines Tages zu dieser Form eines Protestes. Sie wollten nichts teures, nichts besonderes. Sie wollten einfach nur mit den Leuten sprechen, die für die Unterbringung verantwortlich waren. Diese Menschen wollten einfach auch nur gehört werden. Aus dem Landkreis stellte sich an diesem Tag niemand dieser Bitte. Stattdessen wird eine Gruppe von ungefähr 20 Helfern und Freiwilligen, die damals täglich beinahe rund um die Uhr vor Ort war und sich um die Flüchtlinge kümmerte, verunglimpft und das nachhaltig bis heute. Daß ein Sozialdezernent es nötig hat, auch ein Jahr danach noch mit solchen Aussagen an die Öffentlichkeit zu gehen, läßt tief blicken. Für die Flüchtlingsarbeit hoffe ich, daß die Geister, die Herr Scheer rief, sich nun nicht mehr verjagen lassen.
"

Heiko [Name von der Redaktion geändert]: "Von einer Steuerung der Proteste zu sprechen zeigt wieder einmal die verklärte Sicht der Verwaltung auf die damalige Situation in der Unterkunft. Tatsächlich haben die ehrenamtlichen Helfer_innen bis zuletzt alles in ihrer Macht stehende getan, um ihre Freunde von dieser Form des Protestes abzuhalten und zeigten sich letztendlich auch dafür verantwortlich, dass diese beendet wurden. Den Vorwurf, man hätte die geflüchteten Menschen zur Kritik an der Arbeit des Landkreises instrumentalisiert, wird jede/r der/die damals mehr als eine Stunde wöchentlich auf dem Gelände verbracht hat weiterhin mit Vehemenz zurückweisen.
Den Anlass des Protestes bestätigt Herr Scheer dankenswerterweise im vorliegenden Zitat gleich mit. Die Menschen in der Unterkunft haben sich mit ihren Forderungen nach menschenwürdiger Unterbringung oder zumindest der Maximierung der gegebenen Situation nicht verstanden und ernst genommen gefühlt. Dies hat bei ausnahmslos allen Betroffenen zu einer enormen Frustration geführt. Auch Geflüchtete sind eben, anders als es der Verwaltungsapparat zu denken scheint, mehr als nur Zahlen im System sondern Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen, die ebenso viel wert sind wie die eines jeden Menschen.
Bevor Herr Scheer hier also die Kausalkette verdreht und seine Position benutzt, um die Schuld an den viel beachteten Ereignissen Menschen zuzuschieben, die medial keine starke Stimme besitzen, sollte er versuchen, sein eigenes Verhalten zu reflektieren und für die Zukunft daraus lernen. Neben der Kritik soll aber auch nicht zu kurz kommen, dass sich letztendlich alle Beteiligten dankbar für die Problemlösungskompetenz und die schnelle Auflösung der Notunterkunft zeigten und nicht wenige der aktiven Helfer_innen es sehr bedauern, dass das Thema auf Seiten der Verwaltung nach wie vor präsent ist und durch bestimmte handelnde Personen auch ein Jahr später noch mediale Aufmerksamkeit erhält. Dadurch entstehen Gräben, die eine produktive Zusammenarbeit zunehmend erschweren.
"

Oksana: "Die Vorwürfe, die Herr Scheer äußert, sind ein weiterer Versuch die vor Ort anwesenden Ehrenamtlichen für jegliche Missstände und Eskalationen verantwortlich zu machen. Ich war täglich vor Ort, auch an jenem Tage als die Bewohner ihre Betten raustrugen, aus Frust und Verzweiflung über ihre Lage und aus Ungewissheit wie und wann sich diese Situation ändern wird. Eben aus Frust und Verzweiflung, nicht weil ich oder irgendjemand anderes sie angestachelt hatte. Wir haben alles uns mögliche getan, um zu vermitteln, zu ermuntern, Hoffnung zu geben und zu deeskalieren. Doch wenn Versprechen, die gegeben werden, immer und immer wieder nicht eingehalten werden, dann würden auch Sie irgendwann frustrieren, Herr Scheer. ( Es war niemals unser Ziel die Fronten aufzuheizen, unser Ziel war es lediglich den Menschen in der Turnhalle zur Seite zu stehen, daher hoffe ich, dass es irgendwann möglich sein wird, dass wir alle mit diesem gemeinsamen Ziel zusammenarbeiten.)"

Birgit: "Am Mittag des 2. November 2015 wurde ich während der Arbeit von der Freiwilligen Helferin Oksana telefonisch über die Unruhen in der Turnhalle informiert und um Hilfe gebeten.
K: Die Jungs haben ihre Betten raus gebracht. Sie wollen streiken. Was sollen wir tun?
B: Wir können nichts tun. Das sind erwachsene Menschen. Klärt sie nochmals  über mögliche Konsequenzen auf. ...
K: Auf uns hören sie nicht wirklich - kannst du kommen und dein Glück versuchen? Soviel zu Herrn Scheers Lieblingsvorwurf, ich hätte an diesem Tag die Geflüchteten in den Streik getrieben.

 
Etwa eine Stunde später war ich vor Ort, ... 

Ferner stellt sich mir die Frage, auf welche nicht ernstzunehmenden Forderungen Herr Scheer anspielen möchte? Der Wunsch nach Privatsphäre? Der Wunsch nach einem Ort, an dem sich Menschen zurückziehen können, nachdem sie ewig lang auf der Flucht waren? Der Wunsch nach der Möglichkeit, nach mehreren Wochen in den gleichen Klamotten, einmal vernünftig waschen zu dürfen? Ganz zu schweigen von dem Wunsch, dass man sich mit den Geflüchteten unterhält und nicht über sie urteilt, sie verurteilt und sie offensichtlich umgeht. Herr Scheer hält den Wunsch nach persönlicher Kommunikation also für eine nicht ernstzunehmende Forderung? 


Herr Scheer entzieht sich seit Tag 1 der Turnhalle jedwedem Gespräch. Angebote meiner und unsererseits (HelferInnen), lehnte er ab - so er überhaupt auf Anfragen reagierte. Was soll ich dazu noch sagen? Das sagt alles!

Muss die Verwaltung, gerade in postfaktischen Zeiten, eine Behauptung nur oft genug wiederholen, damit sie geglaubt wird?

Mittwoch, 30. November 2016

Stimme des Nachbarn

In Österreich liegt nach Ansicht des Schriftstellers Robert Menasse politisch einiges im Argen. Daher könne er verstehen, wenn die Menschen wütend seien. Doch selbst mit der größten Wut könne man nicht eine ausländerfeindliche, rassistische Partei wie die FPÖ wählen, sagte Menasse im DLF.
Im rauschenden Wald der "sozialen" Medien hieß das so:
Es gibt keinen Grund, die Österreicher zu belächeln. Auch bei uns haben die rechten Kräfte immer mehr Einfluss. Und hier wie auch in Österreich geben die meisten Wähler von rechten Parteien an, sie wollten von der Politik mit ihren Sorgen ernst genommen werden. Wie in Sachsen, wo man Sorgen vor Ausländern hat, obwohl es keine gibt. Wo man Sorgen vor islamischem Terror hat, obwohl der rechte Terror viel präsenter ist.
Das heißt, die Wähler wollen, dass man Sorgen ernst nimmt, die unberechtigt sind? Und danach sollen dann die Parteien ihre Politik ausrichten?

Los geht's!

Nun ist die Angst vor der AfD auch an der Spitze des Innenministeriums angekommen. Oder ist es die Angst vor dem in der Entstehung begriffenen konservativen Flügel? Auf dem Rücken der geflüchteten Menschen wird um Stimmanteile gekämpft und Parteigerangel ausgetragen.
[Es] wird in 81 Fällen wegen gefälschter Pässe von Flüchtlingen strafrechtlich ermittelt.
Das Schlimmste: Geflüchtete Menschen haben keinen ordentlichen Pass. Sie sind nicht, wie der ordentliche Mitteleuropäer, mit Bahn, Flugzeug oder Auto an die Grenze gekommen, haben ihr ordentlich ausgestelltes Ausweisdokument mit allen Stempeln und nötigen Visa vorgelegt und dann weiter zum Hotel in Berlin gefahren. Nein, können sie natürlich nicht, denn es handelt sich um geflüchtete Menschen. Hätten sie legal mit allen gültigen Papieren ausreisen können, wären sie vielleicht gar nicht hier.

Unzulässig vermischt werden diese "unordentlich" geflüchteten Menschen mit denjenigen, gegen die wegen Terrorverdachts ermittelt wird:
In 29 Fällen von „politisch motivierter Ausländerkriminalität“ seien die Sicherheitsbehörden des Landes in diesem Jahr bisher aktiv geworden, sagt Michael Teich, Sprecher des Innenministeriums.
Das hat mit den "Passvergehen" nur mittelbar zu tun, wird aber von Caffier zusammengerechnet.
Das ist mehr als eine Verdopplung zu Vorjahren (2015: 12, 2014: 11).
Natürlich, denn: Wenn wir schon mit Zahlen spielen, Herr Inneminister, dann vollständig: Wie bewegte sich denn in der Zeit der "dramatischen Zunahme" die Zahl der geflüchteten Menschen? Nahm sie nicht ebenso zu wie die Zahl der Ermittlungsfälle? Hat sie sich, um die Sache zum Ende zu bringen, proportional etwa gar nicht verändert?
Die Vorwürfe wiegen teils schwer: Ermittelt werde unter anderem wegen Bildung krimineller und terroristischer Vereinigungen, Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat oder Gefährdung des öffentlichen Friedens. So gebe es „Bezüge zu terroristischen Vereinigungen im Ausland wie dem IS, der Jabhat al Nusra oder den Taliban“, erklärt Teich. Derzeit gebe es allerdings „keine Hinweise auf konkrete Anschlagsszenarien“, sagt LKA-Sprecher Michael Schuldt.
Ja, dann muss da natürlich ermittelt werden. Dafür sind die Behörden da.

Jedoch, Herr Innenminister: Die Zahlen dürfen nicht dazu verwendet werden, gegen eine Menschengruppe zu agitieren. Die aktuelle Kriminalitätsstatistik sagt aus, dass ca. 6,7 % aller Vorpommern straffällig werden. Werden jetzt alle Vorpommern von Ihnen, Herr Innenminister, ausgewiesen, z. B. nach Schweden?


 Die AfD hat Ihnen ja bereits applaudiert...

Die Kleine Anfrage des Jahres

Gesunde einhundertdreiunddreißig Tage reifte die Kleine Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Malottki (SPD) in den Räumen des Rathauses, bis wir interessierte Einwohner*innen die Antwort in Händen halten dürfen. Und bei den Fragen zur Verkehrssituation vor der Kollwitzschule in der Loefflerstraße ging es ja nicht nur um eine Angelegenheit im Herzen der Stadt, sondern sogar um ein dringendes Anliegen besorgter Eltern. Da ist es nur verständlich, daß die Antwort entgegen sonstiger Gewohnheit vergleichsweise gesprächig ausfiel. Fragen, die Aspekte des kommunalen Finanzrechts zum Thema haben, könnten zwar auch erhebliche Auswirkungen auf die Stadt und ihre Einwohner*innen haben, aber das verstehen die meisten Eltern nicht, und da ist die Verwaltung gerne mal ein wenig pampig.
Die Antworten zur Verkehrssituation in der Loefflerstraße sind hingegen, wie gesagt, auf den ersten Blick recht hübsch und gefällig formuliert.
Und da die Fragen ja tatsächlich von gewissem Interesse sind, schaun mer doch mal rein.

Das MdBS Malottki fragte also „Wie bewertet die Stadtverwaltung die Verkehrssituation vor der Käthe Kollwitz- Grundschule, insbesondere von 7.00 bis 8.00?“

Und die Stadtverwaltung bewertet unter anderem so:
„In der Spitzenstunde von 7 bis 8 Uhr querten zwischen den Aufpflasterungen in der Brüggstraße und in der Knopfstraße 148 Personen die Fahrbahn, zugleich befuhren 410 Kraftfahrzeuge diesen Verkehrsbereich. Unmittelbar vor der Querung der Knopfstraße lag die sogenannte V85-Geschwindigkeit, das ist die höchste Geschwindigkeit, die 85% aller Fahrzeugführer nicht überschreiten, bei 21 km/h (85% aller Kraftfahrzeugführer fuhren langsamer als 21 km/h).“
Es nennt sich Argumentieren mit Zahlen. Das ist der in Verwaltungen beliebte und bewährte technokratische Ansatz. So schafft man sich erstmal Sicherheit und spielt auf Ballbesitz.
Kann man machen. Man muß sich dann allerdings die Frage gefallen lassen, wie lebensnah dieser Ansatz ist. Deutlich wird das Problem im folgenden Satz:
„Die Geschwindigkeit war damit nach Auffassung der Straßenverkehrsbehörde niedrig genug, um unmittelbar im Bereich der Querung mit den Fußgängern Blickkontakt aufzunehmen und sobald ein Kind die Fahrbahn betreten würde, das Fahrzeug sofort zu stoppen.“
Heißt erstens, in Verbindung mit den Zahlen davor: Ein fünfzehnprozentiges Risiko ist dann mal okay so.
Zweitens: Ein wesentliches Problem der als „Aufpflasterung“ bezeichneten Querungs-„Hilfe“ wird wie immer komplett übersehen. Denn wenn der Kfz-Verkehr in zwei Richtungen mit Tempo 20 fährt, tut er das gerne Stoßstange an Stoßstange und der Fußverkehr hat auch erstmal keine Lücke, es sei denn, er verhält sich offensiv genug. Damit erwarten wir hier von Grundschulkindern offensives Verhalten im Straßenverkehr. Oder sie kommen zu spät zur ersten Stunde.
Also: Solange die Regelung des Vorrangs nicht prinzipiell geändert wird, bleiben die „Querungshilfen“ Mist. Mist, der am Ende doch wieder nur dem Autoverkehr hilft, denn der muß ja nicht anhalten.

Am Ende von Seite eins muß die Stadtverwaltung allerdings einräumen, daß es da doch noch Probleme gibt:
„Andererseits gibt es Verkehrsteilnehmer sowohl auf Seiten der Fahrzeugführer als auch auf Seiten der Fußgänger, denen die im Straßenverkehr immer notwendige wechselseitige Kommunikation, die erforderlich ist, um sicher und erfolgreich im Straßenverkehr voran zu kommen, aus welchen Gründen auch immer, schwerfällt.“
Wir übersetzen: Die Grundschulkinder sind selber schuld, zumindest irgendwie auch.
Ich bin immer wieder von Neuem begeistert von dieser Art von Menschenbild.
Aber immerhin: Nicht ganz und nicht nur. Denn sogar die Technokraten und Zahlenjongleure in unserer Stadtverwaltung müssen noch etwas zugeben. Und so hinterhergeschoben, wie der Satz wirkt, merkt man förmlich: es ist ihnen schwergefallen.
Das: „Nachteilig wirken sich die Parkverstöße der Eltern unmittelbar im Bereich der Schule für Kinder, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen, aus.“
Bedeutet weniger verdruckst gesagt: Die Eltern, die aufgrund der Verkehrssituation vor der Schule ihrer Kinder besorgt sind, sind selbst ein erheblicher Teil des Problems.
Nicht, daß wir das so oder ähnlich nicht bereits geahnt hätten.
Bei der Neugestaltung der Loefflerstraße zwischen Brüggstraße und Knopfstraße hat man sich das Problem aber auch mit voller Absicht und entschlossen herbeigebaut, zum Beispiel durch die Anlage von Hubschrauberlandeplätzen für Hubschraubereltern direkt vor der Schule. Wir hatten da noch gewarnt und gesagt, direkt vor eine Schule gehören keine Parkplätze für den motorisierten Individualverkehr hin, denn das gibt nur Ärger.
Doch sie wollten ja nicht hören und jetzt hamwer den Ärger.
Andererseits darf man natürlich auch die Frage stellen, ob die Eltern das nicht erst untereinander klären sollten. Es könnte einigen von ihnen dabei natürlich auffallen, daß sie mitverursachend für das Problem sind. Aber vor mancher schmerzhaften Erkenntnis kann man sich eben nicht ewig drücken.

Malottki hatte noch eine zweite Frage und wollte wissen, welche Möglichkeiten einer Verkehrsberuhigung die Stadtverwaltung denn sehe.
Und da immerhin hat der Oberbürgermeister sich nun daran erinnert, daß er mal ein großer Anhänger von Zebrastreifen war und sogar immer noch ist und daher „... entschieden, dass die Stadt, nach der 2009 durch das Landesamt für Straßenbau- und Verkehr M/V erteilten Ablehnung eines Fußgängerüberweg, nun erneut einen Antrag auf Einrichtung des Fußgängerüberweges stellt.“
Wir spendieren noch einen Genitiv und geben ansonsten zu: Die landesrechtliche Vorschrift ist da bescheuert. Wer je in süd- oder westeuropäischen Städten unterwegs war, wird wissen, daß dort die Gemeinden überall Zebrastreifen „einrichten“ können, wenn sie nur wollen. Bei uns muß man sowas genehmigen lassen. Damit ist leider ein Ausweg gegeben, einer anderen staatlichen Ebene die Verantwortung zuzuschieben, wenn es nicht klappt, auch das so eine bewährte Methode.
Aber vielleicht klappts ja doch diesmal. Und vielleicht hält dann sogar mal ein Kfz an. Und vielleicht sollte auch mal sanktioniert werden, wenn genau das nicht passiert. Aber lassen wir das Problem der oft nicht verkehrsdisziplinierten autofahrenden Bevölkerung in unseren Breiten vorerst mal beiseite.
Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und ganz offensichtlich war es eine schwere Geburt.

Ein Bonbon gibts noch zum Schluß.
Denn außerdem „... prüft die Stadtverwaltung, ob eine Schulwegplanung mit Hol- und Bringzonen umgesetzt werden sollte“.
Hätte man sich mindestens mal früher überlegen können, siehe oben. Wir sind gespannt, wo die Hubschrauber dann bald landen sollen und freuen uns, daß die Geschichte noch nicht zum Abschluß kommt, sondern eine schöne Fortsetzung findet.
Ich finde, die Hol- und Dingszonen brauchts nicht und es tät völlig ausreichen, den Parkstreifen vor der Kollwitzschule zu Gunsten eines breiteren Gehweges komplett aufzugeben. Zuviel Kompromiß mit dem motorisierten Individualverkehr muß schließlich nicht sein, er macht uns allen das Leben schon schwer genug.

Vielleicht sollte man für denselben motorisierten Individualverkehr die Loefflerstraße im fraglichen Abschnitt aber auch gleich ganz sperren. Aber das wär zu einfach.