Donnerstag, 1. November 2018

War Requiem im Greifswalder Dom: Erschütternd. Und unvergesslich.

Ein Gastbeitrag von Anne Wolf, geschrieben Sonntagabend


Vor einer knappen Stunde habe ich heute Abend den Dom verlassen. Auf dem Heimweg: Regen. Kein anderes Wetter hätte ich haben wollen. Auf dem Heimweg: Kein einziges Wort. Was kann ich sagen, nach Benjamin Brittens Musik und Wilfred Owens Gedichten?

War Requiem: Dem Titel kann man zwei Bedeutungen zusprechen. Zum einen: Eine Totenmesse für die im Krieg Gefallenen. Zum anderen: Eine Totenmesse für den Krieg selbst.

Hätten Brittens Musik und Owens Worte doch nur diese Wirkung gehabt! Und mögen sie diese Wirkung – wenn auch mit erheblichem zeitlichem Abstand – heute entfalten.

Owen schrieb seine Gedichte im Schützengraben, und er starb im Alter von 25 Jahren im November 1918, eine Woche vor der Unterzeichnung des Waffenstillstands, der den Ersten Weltkrieg beendete.

Benjamin Brittens Werk erklang zum ersten Mal am 30. Mai 1962 anlässlich der Wiedereröffnung der Kathedrale von Coventry in England, die 22 Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg durch die deutsche Luftwaffe bombardiert worden war.

Heute Abend füllte das War Requiem den Greifswalder Dom. Bis zur letzten Minute strömten die Menschen ins Innere des Kirchenraumes. Fünf Chöre (ein deutscher, drei polnische, ein litauischer), zwei Orchester (aus Deutschland und Polen)  und drei Solisten (aus Deutschland, Polen und England) waren an der Aufführung beteiligt. Ich will nicht die weiteren Nationalitäten zählen, die in den Klangkörpern anwesend waren. Weder Britten noch Owen glaubten daran, dass Nationalitäten die Menschen trennen, geschweige denn zu Gegnern oder Feinden machen sollten: Insofern hat der Geburtsort aller Beteiligten keine Bedeutung. Aber die Tatsache, dass Brittens War Requiem heute in Greifswald und demnächst in Stettin, Klaipéda und Berlin zu Gehör kommen darf, gemeinsam erarbeitet von Menschen, die an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kulturen und Sprachen leben: Das ist ein Zeichen. Sie alle wissen, dass Brittens Musik und Owens Worte jenseits aller Zeiten und Orte gelten. Dass wir die Erinnerung brauchen, damit wir die Herausforderungen der Gegenwart verstehen und ihnen begegnen können.

Selten habe ich ein so überzeugendes Konzert gehört. Denn den Schmerz über die Mechanismen des Krieges vertraten alle, die am musikalischen Gelingen dieses Abends beteiligt waren, in sehr persönlicher Weise, weit hinaus über die gewohnte musikalische Professionalität. Was da mitschwang, das war viel mehr. Uns Zuhörern blieb kein Rückzugsraum vor dem geradezu heiligen Ernst, vor dem Zorn, vor dem unbedingten Wunsch nach Frieden und Erlösung in Musik und Worten. Ich wollte auch keinen Rückzugsraum haben; und, ja: Ich habe geweint. Das war kein Abend für glatte Fassaden, für intellektuelle Abgrenzung oder kühle Distanz. Nein: Dieses war ein Konzert, bei dem ich – in Gedanken und mit den Empfindungen ganz bei Britttens Musik, bei Owens' Gedichten und dem lateinischen Text für eine Totenmesse – all die Bilder der Gegenwart vor mir sah, Bilder, in denen Menschen sterben, bedroht und getötet von Waffen, die weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg schon zum Einsatz kamen; und letztlich: getötet von jenem gewaltigen Mangel an Einfühlungsvermögen und jenem ungeheuren Übermaß an Stolz, das wir als Menschheit immer noch nicht überwunden haben.

Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingen möge, größer zu sein als unsere niedrigsten Instinkte. Und darum bin ich dankbar für die Erschütterung des heutigen Abends.

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