Montag, 26. November 2018

Unselige Verquickung von "Journalismus" und Wirtschaft

Seit mehr als einem Monat, seit dem Erscheinen Mitte Oktober, liegt dem Angestellten der OZ, Eckhard Oberdörfer, abgekürzt eob, eine kleine Broschüre zum Namensstreit an der Greifswalder Universität aus dem Steinbecker Verlag vor. Rezension oder auch nur Anzeige in der Greifswalder Lokalzeitung? Fehlanzeige! Vermutlich passt eine unaufgeregte wissenschaftliche Publikation dem "Journalisten" eob nicht ins Konzept, oder - schlimmer noch: siehe unten.

Heute bekamen wir in der OZ mit einem Artikel von mehr als einer halben Seite präsentiert über ein Buch, das es noch nicht einmal das Verzeichnis lieferbarer Bücher geschafft hat, oder von dem Pflichtexenplare in Leipzig und Frankfurt abgeliefert worden wären, geschweige denn in der "Vorpommerschen Landesbibliothek", der Bibliothek der Universität Greifswald (War das dem Verlag zu viel finanzieller Aufwand? Kennt sich der Verlag in den buchhändlerischen Gepflogenheiten nicht aus? Einfach nur einen Stapel Bücher bei Hugendubel abzuliefern, zeugt nicht gerade von allzu viel verlegerischen Kenntnissen.). Im Gegensatz zur Nicht-Rezension und Nicht-Anzeige (siehe oben) widmet eob diesem Buch aus dem Sardellus-Verlag mehr als eine halbe Seite in der Zeitung! (Übrigens nicht zum ersten Mal.) Ob der Verlag für die Werbung bezahlt hat? Die Sardellus Verlagsgesellschaft steht zwar mit Straße und Telefonnummer im Internet. Eigentümer_in und Betreiber_in des Verlages werden dort allerdings verschwiegen; einen Internet-Auftritt gibt es nicht. Im "Börsenverein des deutschen Buchhandels" ist er auch nicht zu finden.

Für wen schaltet eob also eine halbseitige Anzeige in der Greifswalder Lokalzeitung?


Die Herausgeber des Buches werden sich übrigens bedanken für diese Art von Werbung - die Hälfte des Artikels besteht aus dem Gejammere darüber, dass fähige, aber leider etwas zu systemnahe Mitarbeitende der (damals noch) Ernst-Moritz-Arndt-Universität durch arbeitslose West-Akademiker (die vermutlich im Westen wegen Unfähigkeit nichts geworden wären) ersetzt wurden, wie z. B. der Herausgeber, der mittlerweile emeritierte, 1994 an die Universität berufene Historiker Professor Karl-Heinz Spieß. Persönliche Betroffenheit des Artikel-Verfassers?

Ein leises Bedauern ist zu spüren, wenn der Mitarbeiter der OZ schreibt:
Die Universitätsparteileitung der SPD wurde entmachtet, an die Stelle der FDJ-Hochschulgruppenleitung trat der Allgemeine Studierendenausschuss. 
(Leider ist der Artikel online nicht verfügbar. Der die Werbekampagne für den Sardellus Verlag unterstützen möchte, kann sich ein gedrucktes Exemplar der Zeitung kaufen.)

Unverständnis äußert der Artikel-Verfasser über die Verdrängung der fähigen Mitarbeitenden aus Vorwende-Zeiten:
Aber für viele Wissenschaftler aus der DDR bedeutete die Wende auch das Ende ihrer Hochschulkarriere, viele wurden arbeitslos. Etwa 700 Mitarbeiter aus DDR-Zeiten, die die fachliche und politische Überprüfung überstanden hatten, bekamen in der nunmehr mecklenburg-vorpommerschen Hochschule keine Perspektive.
Wenn sie doch die Überprüfung überstanden haben, darf man sie doch für ein bißchen Mittun am DDR-Staat doch nicht gleich entlassen! (Übrigens wäre dann die Qualität der Lokalberichterstattung auch wesentlich besser.)

Es war damals auch nicht alles schlimm, sondern sogar eigentlich ganz prima:
Hecker [der, laut eob, Greifswald nie verlassen hat] erkennt aber an, dass nicht nur die von der Sonne der Erinnerung überstrahlte Studienzeit für viele Unimitarbeiter auch eine schöne Zeit war. Seine Erinnerungen lassen den ein Jahrzehnt andauernden Streit um den Namenspatron nicht aus und reichen bis zur Trennung von Arndt 2018.
Offensichtlich haben erst die West-Versager für die Ablegung des Namenspatronats gesorgt...

Dass die Altertumswissenschaften als Experiment der Vereinigung von Sprache, Geschichte und Archäologie gegründet wurden, erwähnt der Artikel-Autor, nicht aber, dass das Institut aus Spargründen wieder abgeschafft wurde. Vermutlich konnten sich die West-Dummies noch nicht einmal gegen Schwerin wehren!

Aber auch die systemnahen fähigen, aber leider gekündigten Mitarbeitenden der Universität waren offenbar nicht widerstandsfähig genug:
Der größte Personalwechsel fand indes an der Philosophischen Fakultät statt. Von den 103 Professoren und Dozenten im Jahre 1989 wurden nur 17 in die neue Struktur übergeleitet. Womöglich wären es mehr gewesen, wenn weitere Kollegen, zum Beispiel zwei Historiker, gegen unrechtmäßig zustande gekommene Urteile der Ehrenkommission geklagt hätten.
Betrifft das mit den Historikern vielleicht auch den 1994 berufenen Mitherausgeber des Buches? Ich hoffe, dass eine(r) von den diffamierten West-Versager_innen etwas mehr Courage besitzt als seine Ex-Kolleg_innen und gegen die Verleumdungen in diesem Artikel vorgeht!

Kommen wir zum Mitherausgeber:
Karl-Heinz Spieß, der 1994 nach Greifswald kam und damit eine interessante Außenperspektive bietet [nach über 20 Jahren Professur bietet man, laut eob, noch immer eine "Außenperspektive" - Zugezogener bleibt halt immer Zugezogener!], lässt drei der Hochschullehrer zu Wort kommen, die auf unterschiedliche Weise betroffen waren. Darunter ist der außerordentliche Professor für Polonistik, dem gekündigt wurde, weil die zunächst vorhandene Professur für dieses Fach gestrichen wurde. Aus seiner Sicht sollten DDR-Eliten durch – oft arbeitsuchende – westdeutsche Akademiker ersetzt werden. Spieß erinnert dazu daran, dass „viele Hochschullehrer in Lehre und Forschung ideologisch ausgerichtet gewesen (waren) und in erster Linie deshalb entlassen (wurden) und nicht, um arbeitslosen Akademikern im Westen Stellen zu verschaffen. Außerdem waren viele Institute personell aufgebläht.“ 
So ganz genau weiß ich nicht, wie eob den Mitherausgeber einschätzt...

Und was kann man sonst so von dem Buch erwarten? Keine Ahnung.

(Michael Hecker, Karl-Ulrich Meyn, Karl- Heinz Spieß: Die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Zeiten der Wende. Zeitzeugen erinnern sich. Mit Bildern von Peter Binder, ISBN 978-3-9813402-8-0, 19,90 Euro)

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