Montag, 3. September 2018

Die Nazis haben einen Flughafen gebaut - und Eckhard Oberdörfer feiert das!

Unter der Überschrift "Tutow feiert den 80. Geburtstag" findet sich in der gedruckten Ausgabe der heutigen OZ ein Artikel von Eckhard Oberdörfer über Tutow. Er schreibt zum "80. Geburtstag" des Dorfes, das als Flughafen + Siedlung von den Nazis 1938 gegründet wurde und der am 1. Oktober 2018 zu feiern sei:
Zuvor hatten die Gutsbezirke Kruckow und Tutow einschließlich des Fliegerhorstes Tutow die Landgemeinde Kruckow gebildet. Für die Bildung des neuen Ortes mussten Kruckow, Plestlin, Sophienhof und Zemmin Flächen abtreten. Insgesamt waren es 1039 Hektar. Über die Hälfte gehörte zuvor zu Kruckow. 
Ach, war das damals schön einfach! Wenn man sich die heutigen Kalamitäten um Wackerow und Neuenkirchen überlegt... Demokratie und Partizipation sind doch manchmal recht beschwerlich! Jedenfalls ging es damals, zu Nazizeiten, einfach und schnell, wie Oberdörfer feiert:
Die Bürokratie funktionierte. Die einzelnen Gerichte wurden gehört und reagierten schnell.
Boah, ey! Und da schaue man sich mal den gegenwärtigen Merkel-Staat an, wie lahm die Behörden sind; nicht umsonst ist "Staatsversagen" eines der liebsten Wörter der AfD und ihr nahestehender rechtsradikaler Kreise!

Auch aus Umweltsicht war die Siedlung tippitoppi (um den infantilisierenden OZ-Sprachgebrauch aufzugreifen):
Die 24 Unterkunftsgebäude wurden zentral beheizt. [...] Dass Abwasser und Regenwasser getrennt wurden und das Brauchwasser in einer eigenen Kläranlage behandelt wurde, war damals noch lange nicht Normalität.[...] Der Landwirt der Garnison hielt rund 300 Schweine, 1000 Gänse und weiteres Geflügel sowie Angorakaninchen als Wolllieferanten für Wärmeschutzkleidung der Flieger. Schafherden hielten des Rasen kurz. Dazu kamen über 2500 Obstbäume
Großartig! Und überhaupt erst die Infrastruktur für die Nazi-Soldaten, genannt Wehrmacht oder "Jagdfliegerstaffel":
Die Infrastruktur war hochmodern. Ab 1939 gab es ein großes Lehrgebäude und eine Schwimmhalle. Dazu kamen weitere Sportstätten, wie eine Turnhalle und ein Stadion mit Sitzplätzen. [...] Das Offizierscasino am Wittenwerder See verfügte über eine Terrasse zum Wasser. Die Wohnsiedlung war ebenfalls vorbildlich.
Wow! Vorbildlich, schwärmt eob. Für wen?

Zwischendurch salbadert Oberdörfer noch über die für militärische Zwecke zur „Bahn für den nichtöffentlichen Verkehr“ umgewidmete und umgebaute Bahnstrecke und zeigt, welche Fleißarbeit er im Archiv geleistet hat. Jedenfalls beförderte die ehemalige Privatbahn laut eob "täglich 20 Schulkinder". Wie süß! Wie nützlich für die Zivilgesellschaft!

Auch, wie sehr der Flughafen dem "Germany first" diente, verdient feiernder Schilderung:
Die Flughafensiedlung Tutow entstand in der NS-Zeit ab 1933 unter Umgehung der Bestimmungen des Versailler Vertrages. Die Geschichte beginnt in der Weimarer Republik. Schon 1932 erwarb das Reichsluftfahrtministerium vom Baron von Sobeck (Kruckow) Flächen einschließlich des Vorwerks Wittenwerder. Dessen Bewohner wurden in die umliegenden Dörfer umgesiedelt, die Bauten abgerissen. Ferner befand sich hier zuvor eine Försterei.
Das nenne ich nachhaltiges Denken! Und Widerstand gegen die Versailler Knebelverträge! Toll! Und vorausschauend: umsiedeln, abreißen... Der Staat funktioniert perfekt! Und die begeisterte und freiwillige Beteiligung des pommerschen Adels an dem Projekt!

Vorbildlich hält sich Oberdörfer in beinahe schon journalistischer Art mit Wertungen zurück. Anders als bei Gegenständen, die er ablehnt (Ablegung des 1933 entstandenen Namenspatronats der Universität z. B.), ist er hier quasi 'objektiv' und beschreibt ausschließlich Sachverhalte, ohne zu ideologisieren und irgendwelche linksgrünversifften Wertungen zu übernehmen.
Wie es in einem Schreiben des Amtsgerichts Demmin heißt, waren die „sämtlichen 779 Bewohner der Gemeinde Flughafen Tutow“ erst bei oder nach der Anlegung des Flughafens zugezogen.
Schließlich waren das "Zugezogene" eines ganz anderen Kalibers als diejenigen, die für die Entnazifizierung der Universität von dem Namenspatronat des Freiheitshelden Arndt gesorgt haben!

Nazis? Keine Erwähnung. Kriegsvorbereitung? Spekulation! Verhältnis Wehrmacht / Bürokratie / Nationalsozialismus? Kein Thema!

Im Gegenteil: Wir sollten stolz sein auf unser vorpommersches Tutow!
1935 wurde hier eine der größten Kampffliegerschulen des Deutschen Reiches gegründet. Vier Jahre später hieß sie Große Kampffliegerschule.
Ist eob über die "Große Kampffliegerschule" mental gestolpert? Nein, wozu? Eine kurze Recherche in einem beliebigen Who-is-who der wehrmachtlichen Luftwaffe hätte ergeben, dass zahlreiche Absolventen aus Tutow z. B. eine unrühmliche Rolle in der berüchtigten "Legion Condor" spielten, die zu Übungszwecken für den geplanten Weltkrieg im spanischen Bürgerkrieg Republikaner aus der Luft ermordete. 1938 wurden die Flieger aus Tutow als Verband im Rahmen der "Sudetenkrise" in Breslau stationiert. Im Zweiten Weltkrieg beteiligten sie sich an der "Ostfront" am Überfall auf Polen, an der "Westfront" flogen sie unter anderm in Maastricht und an der Meuse. 1942 wurde die Fliegerstaffel wegen hoher "Verluste" aufgelöst; die menschlichen Reste wurden anderen Fliegerstaffeln einverleibt, u. a. zur Unterstützung der Seekriegsführung. Diese Informationen hätte eob relativ schnell erhalten können, u. a. bei Luftwaffen-Verherrlichern und Stuka-Apologeten.

Eigentlich aber hätte er sich aber auch nur selbst beim Wort nehmen müssen, denn was bedeuten denn die Stationierung einer "Jagdfliegerstaffel", die Einrichtung "eine[r] der größten Kampffliegerschulen des Deutschen Reiches", wie er begeistert in seinem Artikel schwärmt? Was heißt denn"Große Kampffliegerschule" im nationalsozialistischen Sprachgebrauch? Für eob uninteressant, nicht erwähnens- und erwägenswert. Vermutlich wird er bald über die "Große Kampffliegerschule (See)" in Parow lokalhistorisch schwadronieren und sie feiern.

Allein schon ein kurzer (natürlich nicht unkritischer) Blick in die allen zugängliche Wikipedia hätte ihn zumindest stutzig machen müssen:

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 wurde die bisher unter Umgehung des Versailler Vertrages von Deutschland genutzte Geheime Fliegerschule und Erprobungsstätte der Reichswehr bei Lipezk in der Sowjetunion aufgelöst. Unter dem Deckmantel des Deutschen Luftsportverbandes (DLV) entstanden in Deutschland mehrere Flugschulen. Bereits 1932 hatte das Reichsluftfahrtministerium vom Baron von Sobeck in Kruckow unter Androhung der Zwangsenteignung größere Ländereien im Gebiet des Kuckucksgrabens einschließlich des Kruckower Vorwerks Wittenwerder erworben. Die Bewohner des Vorwerks wurden in die umliegenden Dörfer umgesiedelt. [...] Am 1. Januar 1935 wurde die Kampffliegerschule Tutow gegründet. Bis zum 1. März 1935 führte sie die Tarnbezeichnung Funkpeilversuchsinstitut der elektrotechnischen Industrie e.V. Tutow.

Eckhard Oberdörfer betreibt militäraffine Heimattümelei der schlimmsten Form. Er blendet alles aus, was die von ihm geschilderte Aktenlage im Archiv mit den dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte in Verbindung bringen könnte. Ihm ist nur eines wichtig: der 1. Oktober. Und:
"Heißes und kaltes Wasser flossen aus dem Hahn."

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