Freitag, 9. Februar 2018

Unkritisch II

Greifswald musste durch den Bau des Atomkraftwerks in Lubmin wohnungsmäßig aufrüsten. Deswegen sind in den 70ern viele Plattenbauten entstanden. Im OZ-Artikel heißt es dazu, dass "Dank der fleißigen Arbeit der Mitarbeiter des Plattenwerkes [...] Anfang 1977 etwa 7000 neue Wohnungen fertiggestellt" worden waren. Nun, ob die Leute fleißig waren, kann die OZ genauso wenig beurteilen wie ich. Es waren Beschäftigte der Bauindustrie, egal in wessen Hand, und sie haben ihren Job gemacht, nicht mehr, nicht weniger. Die OZ schreibt mal wieder etwas hoch, was ihrer immer älter und weniger werdenden Abonnent_innenschaft gut gefällt: Es war doch gar nicht alles so schlecht, damals.

Z. B. die Plattenbauten: endlich menschenwürdige Wohnungen!

Wirklich? Wer heutzutage durch Greifswald geht, bewundert die sanierte Altbausubstanz. Auswärtige sagen immer wieder den Standardsatz, bei dem man vor Fremdscham in den Boden versinken möchte: "Es hat sich hier aber schon eine Menge getan!" Selbst die Plattenbauten sind schon wieder saniert. Greifswald insgesamt ist wieder zu einem Ort zum Leben geworden, und zwar nicht nur in standardisierter Plattenbauweise, sondern auch im historischen Zentrum, weil viel historische Bausubstanz saniert und gegenwärtigen Wohnanforderungen angepasst wurde. In der OZ aber wird noch immer die Vergangenheit schöngeredet, in absolut unkritischer Weise:
Die Bilder dokumentieren auf sehr anschauliche Weise, wie schlimm es um die Bausubstanz Anfang der 1970er Jahre in der Hansestadt wirklich stand und wie dank der Plattenbauweise neue Wohnviertel in der Stadt entstanden.
Hätte die OZ ein wenig nachgedacht, dann hätte sie herausgefunden, dass es um die Bausubstanz der Innenstadt so "schlimm" stand, weil sie zugunsten der Plattenbauten verfallen gelassen wurde - und nicht nur das, sondern für die "Hansische Platte" wurden große Teile der historischen Altstadt, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben, plattgemacht. Der "schlimme" Bauzustand war weder eine Naturkatastrophe noch alternativlos, sondern bewusst herbeigeführt.

So viel Kritikfähigkeit erwarte ich von Journalist_innen. Vermutlich ist dieser Anspruch an die Greifswalder Lokalredaktion aber eine Überforderung.




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