Samstag, 25. November 2017

Der alte neue Intendant spricht

In der OZ konnten wir heute ein Interview mit dem jetzigen und zukünftigen Intendanten des Theater Vorpommern / Staatstheater Nordost lesen.
Die Aufgabenstruktur ändert sich, unterschiedlich bei den Sparten, und deshalb ist auch da oder dort eine Vergrößerung notwendig, um die Qualität zu halten. Nehmen wir mal als Beispiel das Musiktheater, das bisher Greifswald, Stralsund und Putbus bespielt, mit noch überschaubaren Fahrzeiten. Das soll künftig auch regelmäßig in Neustrelitz spielen und dann und wann in Neubrandenburg. Das heißt, dass die Ensembles mehr reisen müssen,  was wiederum bedeutet, die Ruhezeiten nagen an den Probenzeiten, das wird seine Spuren hinterlassen. Insofern ist es völlig richtig, wenn man die Qualität halten will, die wir jetzt  haben, dass die Personlstärke des Ensembles vergrößert wird. Das ist unbedingt notwendig [...], aber man darf nicht übersehen, dass die finanziellen Mittel, die das Land und die Kommunen aufbringen müssen, ohnehin schon über das hinausgehen, was ursprünglich gedacht war. (Hervorhebung vom Autor)
Okay, soviel zur Parallele zur Kreisstrukturreform: Bringt nur Unruhe, keine Voreteile, keine Einsparungen und dient nur dem Ego des jeweiligen Ministers.

Aber Partizipation wird ja in MV groß geschrieben, auch das Publikum darf sich räuspern. Nicht bei den wichtigen Dingen, nein, das machen Verwaltungen unter sich hinter verschlossenen Türen aus, das Publikum darf dann schlucken, was dabei herauskommt. Aber in solch' wichtigen Fragen wie beispielshalber dem Namen des Monstrums darf das Publikum seine Meinung kundtun; dass sie auch berücksichtigt wird, ist damit allerdings noch lange nicht gesagt. Aber ein Publikum, das zum Thema "Namen" in die Theatersessel furzen durfte, identifiziert sich in einer Art Stockholm-Syndrom viel eher mit dem Monster, das auf es losgelassen wird, als würde man von ministerieller Seite den Namen festlegen, ohne vorher die unmaßgebliche Meinung des Publikums eingeholt zu haben.
Wie soll das neue Theater heißen?  Bisher ist stets vom „Staatstheater Nordost“ die Rede.
Wir haben vor, in Kürze einen Prozess zu beginnen, der viele einbeziehen soll, Mitarbeiter der Häuser, Mitglieder der Ensembles, der Betriebsräte, Publikumsvertreter, beispielsweise die Fördervereine, und die Träger, die dann gemeinsam auf der Basis einer Wertediskussion eine Corporate Identity für das Staatstheater erarbeiten. Dann soll es ein Logo geben und Bezeichnung für das Theater gefunden werden. Ein zu komplizierter Name ist sicher nicht wünschenswert.
Nach dem Interview weiß ich nicht mehr so genau, wovon denn der alte neue Intendant nachts träumt:
Wie denkt sich dieses Theater auch künstlerisch selbst? Es gibt viel Angst in der Landschaft vor einem Schreckgespenst „Kunstkombinat“: quasi ein Riesen-Moloch, über eine viel zu weite Strecke verteilt, alles zentralistisch organisiert, Planwirtschaft guckt da um die Ecke, und dann heißt es auch noch Staats-Theater. Ich weiß nicht, wer solche Ideen mal hatte, aber meine Idee ist das nicht. Meine Idee dieses Theaters ist ein Staatstheater der Städte. Das heißt, Theater findet immer vor Ort statt, durch die Struktur ist dafür gesorgt, dass an jedem Standort mindestens eine produzierende Sparte anwesend ist, und die hat als Hauptaufgabe, in ihrer Stadt die Stadttheaterfunktion wahrzunehmen, muss dort also auch relativ eigenständig agieren können.
Und das Ensemble? Es darf, wenn alles läuft wie geplant (und wer geht schon davon aus?), mindestens bis 2020 noch mit Haustarifverträgen rechnen...
Und die aktuellen Tarifverhandlungen gelten erst ab 2019 oder schon vorher?
Diese Haustarifverträge müssen schon ab August 2018 einsetzen, allein deshalb, weil die Haustarifverträge am Theater Vorpommern ja auslaufen.
Also wieder  Haustarifverträge? Hieß es nicht, dass mit der Fusion die Beschäftigten in den Flächentarif zurückkehren?
Es geht bei diesen Haustarifverhandlungen um verschiedene Dinge: Zum einen um grundsätzliche Festlegungen, die dauerhaft gelten sollen, wie die Eingruppierung des Orchesters, oder auch Regelungen zu Mitwirkungspflichten. Und dann wird es Übergangslösungen brauchen, die beschreiben, in welchen Stufen und bis wann passiert der Wiedereinstieg in den Flächentarif, wie korrelliert das möglicherweise mit dem Stellenabbau usw. Der soll sozialverträglich, ohne betriebsbedingte Kündigungen und ohne Nichtverlängerungen erfolgen.

Toll. Das Theater, frei nach Schiller, als moralische, in diesem Fall: politmoralische Schaubühne betrachtet...

Die OZ kommentiert dazu sehr richtig:
Damit nähert sich ein langer und teils schmerzhafter Reformprozess seinem Ende. Er war 2008 durch Kultusminister Tesch (CDU) mit dem noch harmlos schillernden Begriff „Kulturkooperationsräume“ angestoßen worden, wurde unter seinem Nachfolger Brodkorb (SPD) zum gewaltigen Fusionsdruck auf alle theatertragenden Kommunen verschärft. All das mit dem Ziel, gestiegene Kosten der Theater (wegen derer vor allem Kommunen stöhnten) durch Abbau von Ressourcen zu kompensieren und trotzdem viel Kultur zu erhalten.
Die Großstadt Rostock wehrte sich – zu Recht – gegen Fusion mit Schwerin, das Landeshauptstädtchen wird’s ihr ewig danken, sie kam so durch eine Mini-Fusion mit Parchim zum eigenen Staatstheater. Die einzige, echte und besonders schwere Fusion ist die im Osten. Das neue Konstrukt sollte kulturpolitisch äußerst pfleglich behandelt werden. Von allen.



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