Freitag, 8. September 2017

Mikrozensus kann tödlich sein

Ein Gastbeitrag von B. Echrecher. Vielen Dank dafür.


In der güldenen Mitte des Jahres, ging er um und verstopfte unzählige Briefkästen: der Mikrozensus, Menschen älteren Semesters noch als Volkszählung bekannt. Ich gebe zu, daß das Ausfüllen lästig ist. Es reicht nicht, sich gegenüber den Lebensunterhalt sichernden Behörden und Ämtern nackt zu machen. Der Wahrheitsgehalt einer solchen Erhebung, zweifelhaft. Zumindest kenne ich keinen, der dieses investigative Druckwerk tatsächlich besten Wissens und Gewissens ausfüllt. Lieblingsantwort:  „Keine Angabe“. Was ist eine Erhebung wert, deren Angaben im Zweifel nach dem Prinzip „Ippchen, Dippchen, Silberklippchen“ beantwortet werden? An mir ging der Kelch in diesem Jahr vorüber. Dachte ich. Ich durfte bereits letztes Jahr kostbare Lebenszeit mit diesem Mahnmal sterbender Bäume verschwenden.

Gerne schwelge ich in alten Zeiten. Damals in den 1980er Jahren, in denen wir uns in der Kommune gegenseitig mit weltbesten Anti-Volkszählungsplakaten zu übertrumphen versuchten. Kreative Warnschilder mit selbstgemalten Bildern und Aufschriften: „Unser Yorkie frißt Volkszähler zum Frühstück.“ oder „In diesem Haus verirrten sich bereits 5 6 7 8 Volkszähler.“ oder „Glaub uns einfach: 12 Große, 4 Kleine, 8 Hunde, 24 Katzen, 2 Hamster, 12 Ratten, 7 Meerschweinchen, fünf Dutzend Spinnen, hunderte Milben, tausende Frucht- und Schmeißfliegen, wir haben die Kreuzfeldfüllenwirnicht-Krankheit, 7 Kasten Bier und 3 Flaschen Pfeffi.“
In der Tat haben wir in unserem Haus nie einen Volkszähler gesehen. 



Heute erhielt ich Post. Ein gelber Umschlag mit der Aufschrift „Förmliche Zustellung“.
Worte wie: „Zwangsgeldfestsetzung“, „Zwangsgeldfestsetzungsbescheid“, „wie angedroht“ und eine Litanei von Verordnungs- und Paragraphenkürzeln tanzen vor meinen Augen. Am Ende der Seite ein dreistelliger zu zahlender Betrag. Es ist die Rede von einem bereits zugestellten Mikrozensus und einem Bescheid, auf den ich nicht reagiert haben soll. Wütend drehe ich den Brief um.
Auf der zweiten Seite relativiert sich der Inhalt der ersten Seite. Wird der Mikrozensus fristgerecht nachgereicht, „...würde das Zwangsgeldverfahren eingestellt werden.“ 

Ich stelle mir vor,  Menschen jenseits der 70 erhalten ein solches Schreiben. Sie hätten diese zweite Seite wohl gar nicht mehr gelesen, sondern vor Schreck eine Herzattacke oder schlimmeres erlitten.
In den letzten Jahren legte ich mir im Lesen von Behördenpost eine gewisse Routine zu. Die erste Seite mußte ich dennoch mehrmals lesen, um zu verstehen und fühlte mich maßlos überfordert, von den vielen Zahlen, Paragraphenzeichen und der ausgesprochen anmaßenden und bedrohlichen Wortwahl.

Eine vorangegangene Zustellung gab es nicht. Gerade weil ich selbst sehr viel Post von unterschiedlichen Behörden erhalte und ehrenamtlich Senioren beim Ausfüllprozeß anleite und begleite, nehme ich solche Bescheide sehr genau.

Daß gegenüber Teilnehmern einer statistischen Befragung, die zudem zufällig ausgewählt werden, eine derartige Drohkulisse aufgebaut wird, macht mich faßungslos. Ich betrachte dies, gelinde ausgedrückt, als Schweinerei. Selbstverständlich waren weder die Verfasserin des Briefes, noch die ihr vorgesetzte Bearbeiterin zu sprechen. So habe ich meinem Protest schriftlich Ausdruck verliehen und werde diesen Artikel weiter in verschiedenen Medien platzieren. Aber zunächst zu meinen Herztropfen.  
Mikrozensus kann tödlich sein.


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