Dienstag, 13. Juni 2017

Sie lernen's nicht, und wir alle müssen dafür bezahlen!

Heute wusste glaube ich in der OZ die linke nichts von der rechten Hand - und damit ist sie symptomatisch für unser aller Verhältnis zur Landwirtschaft.

Neben vielen anderen Schäden ist eine Folge der industrialisierten Landwirtschaft, dass viel zu viel Dünger ausgebracht wird, was zu einer Verseuchung des Grundwassers führt, dessen Reinigung wir bezahlen müssen. Billiges Fleisch, billige Milch und billiges Brot bezahlen wir also im Endeffekt unter anderem durch teures Wasser. Das Schnitzel für einen Euro nehmen wir gerne, vergessen dabei aber, unter welchen Bedingungen es produziert wird und wie teuer es uns schließlich zu stehen kommt.

Nebenbei versaut die Überdüngung das, was wir als Einziges mit Stolz noch hochhalten können, weil wir bisher zu schwach waren, es kaputt zu machen: die Ostsee. Die Überdüngung führt dazu, dass sie kippt und zu einer nassen Wüste wird.

Und wenn man zu viele Kühe auf eine Weide stellt, ist sie bald leergefressen - bringt das irgendjemanden zum Erstaunen? Scheinbar nur Bauern. Wenn das, was eine enttäuschte "Ökobäuerin" sagt, stimmte, wären Kühe bereits mindestens seit dem Mittelalter ausgestorben. Ein Vergleich für Städter: Wenn bei ALDI Nord 27 Sonderangebotsschnitzel zur Verfügung stehen, vor denen 30 kaufbereite Kund_innen stehen, passiert - was? Richtig! Und damit schließt sich der Kreis.
Ulrike Böttcher führt einen landwirtschaftlichen Betrieb auf Rügen. Über 20 Jahre lang hat sie ihre Futterwiesen ausschließlich ohne Dünger und Unkrautvernichter bewirtschaftet. Dies habe den Kühen geschadet, sagt sie.
Nö, nicht das Fehlen von Pestiziden, Herbiziden und industriell produziertem Dünger schadet den Kühen, sondern der fehlende Platz. Ulrike Böttcher scheint die Obergrenzen für Viehbesatz extrem ausgenutzt zu haben und wundert sich dann, dass ihre Viecher Mangelerscheinungen zeigen.
„Damals hatten wir 140 Kühe, die ausschließlich extensiv gehalten wurden. Die ersten Jahre ging das auch sehr gut, da der Boden noch Nährstoffreserven aus der intensiven Bewirtschaftung zur Verfügung hatte. Nach etwa zehn Jahren wurde es bereits deutlich schwieriger.“ Die ertragreichen Gräser seien nach und nach verschwunden „und weniger anspruchsvolle und für Rinder weniger schmackhafte Pflanzen setzten sich durch. Nach 20 Jahren haben wir uns entschlossen einen Großteil der Flächen wieder intensiv zu bewirtschaften, um die Futtergrundlage unserer Rinder das ganze Jahr über gewährleisten zu können.“ 
Vielleicht ist nicht "das Experiment gescheitert", wie es im dann folgenden Satz steht, sondern es waren, dem Liter Milch unter einem Euro im Supermarkt geschuldet, über 20 Jahre lang einfach zu viele Kühe auf den zur Verfügung stehenden Hektar? Dass dann die Wiesen nicht mehr so ergiebig sind, wundert den Laien nicht. Weder sind die Ausgleichsflächen für Nord Stream daran Schuld (obwohl man ja gern einen Bösewicht hätte, der es verdient) noch die extensive Landwirtschaft - es ist eher der Druck, alles - und eben häufig zu viel - aus dem Boden herauszupressen, was möglich - oder eben unmöglich - ist. Nicht zugunsten der Bäuerin, nicht zugunten der Verbraucher_innen, sondern wegen des Preiskampfes zwischen den Lebensmittelhändlern, vor allem den Discountern.

Dabei liegt es auf der Hand:
Das Umweltbundesamt (UBA) hatte am Wochenende vor steigenden Wasserpreisen aufgrund von Nitratbelastungen durch die Landwirtschaft gewarnt. Weil der Aufwand für Aufbereitung und Reinigung zunimmt, könnte der Trinkwasserpreis bald um bis zu 45 Prozent steigen. Eine vierköpfige Familie müsste im Jahr 134 Euro mehr bezahlen, stellt die Behörde in einer Studie fest. Bundesweit drohten zusätzliche Ausgaben von 767 Millionen Euro im Jahr, damit das Wasser trinkbar bleibt.
Und was tun wir dagegen? Es muss etwas Effektiveres geben als die momentane Modeerscheinung veganen Lebensstils. Z. B. eine Landwirtschaftsminister_in, die sich nicht als verlängerten Arm des Bauernverbandes sieht. Landwirtschaftspolitik sollte mehr sein als die Sicherstellung der Einkommen der Bäuer_innen.

Der Kommentar bringt es auf den Punkt:
Trinkwasser zählt zu den am besten kontrollierten Lebensmitteln in Deutschland. Bedenkenlos lässt sich das Wasser aus dem Hahn trinken, die Qualität ist meist sogar besser als bei dem aus den teuren Flaschen aus dem Laden. Dieser selbstverständliche Luxus ist bedroht: Die Qualität des Grundwassers, Rohstoff für unser Trinkwasser, nimmt rapide ab. In MV überschreitet jeder fast fünfte Brunnen die Nitrat-Grenzwerte, bundesweit sogar mehr als jeder vierte. Eine Folge von zu viel Dünger und Gülle auf den Feldern.
Der Trinkwasserpreis wird drastisch steigen, warnt das Umweltbundesamt. Um bis zu 45 Prozent in besonders stark betroffenen Regionen. Denn die Wasserwerke müssen immer größeren Aufwand betreiben, um trotz der Nitrat-Flut ihr Produkt noch in der gewohnten Qualität zu liefern. Und wer bezahlt den Mehraufwand? Wir alle.
Das Verursacherprinzip ist ausgehebelt. Landwirte sind auf Düngemittel angewiesen, um ihre Erträge stabil zu halten. Die dabei anfallenden Umweltkosten werden allerdings der Allgemeinheit aufgebürdet. Die verantwortlichen Politiker haben das Problem jahrelang ignoriert, obwohl sogar schon die EU längst Druck macht.
Und unser geliebtes und von allen so bejubeltes Alleinstellungsmerkmal für den MV-Tourismus, die Ostsee?
Durch Flüsse und diffuse landwirtschaftliche Einträge sind in den vergangenen Jahren viele Pflanzennährstoffe, sprich Stickstoff und Phosphor, ins Meer gelangt. Diese Überdüngung führte zu einer starken Produktion von Algen, die abgesunken sind und sich so in besonders großen Mengen in den tiefen Ostsee-Becken angesammelt haben. Wird dieses organische Material, dieser Kompost, mit Sauerstoff versetzt, werden Bakterien aktiv. Durch die die große Menge des Materials haben sie dabei besonders viel Sauerstoff verbraucht.
Wir erzeugen eine nur noch von Algen belebten Wasserwüste - Hauptsache billige Milch und billiges Schnitzel!
Die Ostsee ist geschichtet: Oben ist sie ausgesüßt, unterhalb einer Tiefe von etwa 80 Metern hingegen relativ salzig. Heizt die Sonne das Oberflächenwasser auf, wächst der Dichteunterschied zwischen den Schichten. Dann schafft es selbst der größte Sturm nicht mehr, das Wasser zu durchmischen. Das warme Brackwasser liegt wie ein Deckel auf dem Salzwasser der tiefen Becken und verhindert den Austausch mit der Atmosphäre. Dabei können sauerstofffreie Zonen entstehen, die lebensfeindlich für höhere Lebewesen sind.
Wie wichtig ist denn Leben auf und im Meeresboden?
Das Sediment ist ein großes Klärwerk. Die Lebewesen dort bauen Nitrat ab und vergraben Phosphor. Wir müssten mehrere Milliarden Euro investieren, wenn wir diese Leistung an Land aufbauen wollten.
Ein Blick in die Zukunft: Wohin geht’s für die Ostsee?
Bis 2020 wollen wir unser Ziel – eine gesunde Ostsee – erreichen. Das ist sehr ambitioniert und wird wohl nicht ganz klappen. Aber im Vergleich zu anderen Küstenmeeren in Europa sind wir schon weit vorangekommen.
Was kann MV dazu beitragen, das Ziel zu erreichen?
Ich wünsche mir, dass die Ministerien ihre Aktivitäten abstimmen– miteinander und mit allen Partnern im Ostseeraum. Wissenschaft und Politik sollten mit einer Stimme sprechen.

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