Dienstag, 4. April 2017

Überall weiß man es, nur in Greifswald mal wieder nicht

Wieviele Kleine Anfragen sind gestellt, wieviele Beschlussvorlagen in der Bürgerschaft diskutiert und abgelehnt worden - ich weiß es nicht mehr. Auch unter dem "grünen" OB ist das nicht besser geworden: eine Politik der kleinen Schritte hin zu mehr Fahrradfreundlichkeit in Greifswald scheitert an den Betonköpfen der Autofahrenden ("Das war schon immer so. Warum sollen wir das ändern?"). Den großen Schritt zu fordern - eine autofreie Innenstadt -, ist schon beinahe wie ein kriminelles Delikt einzustufen.

Greifswald hinkt damit mal wieder einem Trend hinterher, für den es, inhaltlich gesehen, Vorreiter sein sollte (und will. Dazu unten mehr):
Es ist an der Zeit für ein Umdenken, Umbauen und Umsteigen: aufs Fahrrad. Aber dazu braucht es keine „Verkehrswende“ oder gar „Revolution auf zwei Rädern“. Nicht Ideologie, sondern Pragmatismus steigert die Lebensqualität in Städten.
So beginnt der Kommentar von Marin Kormbaki in der heutigen OZ. 

Und recht hat sie damit! 
Straßen ohne Autos? Im Automobilstandort Deutschland fällt solch eine Vorstellung vielen schwer. Das aus den Sechziger- und Siebzigerjahren herrührende Leitbild von der autogerechten Stadt, deren Gestalt bestimmt wird von Autoschneisen und -stellflächen, ist fest verankert in den Köpfen. Heute, einige Jahrzehnte später, schlagen die Folgen dieses Leitbildes voll durch. Staus, Feinstaubbelastung, langwierige Parkplatzsuche, Lärm, Schmutz – all dies zeigt an, dass es an der Zeit ist für ein Umdenken, Umbauen und Umsteigen: aufs Fahrrad. [...] Die Politik muss hier nichts verordnen, der Trend zum Rad ist längst im Gange. [...] Der Markt für Mieträder ist in Großstädten inzwischen heiß umkämpft, und bei vielen Jüngeren hat ein minimalistisches Fixie oder ein gemütliches Lastenrad das Auto als Statussymbol abgelöst. [...] Um den Trend zu fördern, brauchen Politik und Verwaltung keine nationalen Verkehrspläne oder Aktionstage auszurufen. Sie müssen bloß mal praktische Hilfestellung leisten – etwa mit breiten Radfahrstreifen in zwei Richtungen, einer grünen Welle für Radler, Haltegriffen an Ampeln. Es braucht dazu keine „Verkehrswende“ oder gar „Revolution auf zwei Rädern“. [...] Nicht Ideologie, sondern Pragmatismus steigert die Lebensqualität in Städten. Die Fahrradhauptstädte Amsterdam und Kopenhagen, wo ein Großteil mit dem Rad zur Arbeit fährt, sind prima Beispiele für eine unverkrampfte Stadt- und Verkehrsplanung. Und sie sind – wie jeder weiß, der schon mal dort war – der Beleg dafür, dass Städte mit hohem Radverkehrsanteil besonders attraktiv sind. Radfahren entschleunigt. In hochtourigen Zeiten ist das viel wert.
Und Greifswald? In Dingen der angeblich "heimlichen Fahrradhauptstadt" müssen die Ansätze zum Umdenken immer noch hinterherhinken, weil ihnen die Beton- und Autofahrendenlobby in der Bürgerschaft immer noch Knüppel zwischen die Beine wirft, wo es irgend geht. Nur in Greifswald ist der Autoverkehr immer noch eine heilige Kuh, die auf keinen Fall geschlachtet werden darf. Trauriges Alleinstellungsmerkmal...

Aber bis Leute vom Schlage eines Axel Hochschild 'mal begriffen haben, wo's anderswo langgeht, werden noch Jahre vergehen.

Und das Ergebnis dieser Realitätsverweigerung? Die geneigte Leser_in mag in folgendem Artikel einmal das Wort "Greifswald" suchen - leider hilft da auch googeln nichts:
Radfahren boomt, aber die Behörden verschlafen den Trend, kritisiert jedoch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC): Fahrradförderung sei mehr als das Aufmalen von bunten Streifen und Bildchen auf die Straße. [...] „Es ist viel getan worden, um Platz für Radfahrende zu schaffen. Das ist gut so und fördert die gegenseitige Akzeptanz“, sagt Jürgen Gerlach von der Uni Wuppertal. Er stellt sein Projekt „Fresh Brains“ in Mannheim vor. Dazu untersuchten Studenten aus Wuppertal und Breda (Niederlande) vier deutsche Kommunen. „Alle Städte haben positiv überrascht. Wuppertal ist noch keine Fahrradstadt - aber sie hat das Vorzeigeprojekt Nordbahntrasse, das extrem gut angenommen wird. Chemnitz und Kassel haben gute Radinfrastruktur. Und Mönchengladbach hat engagierte Bürger“, sagt Gerlach. Dies zeige, dass sich abseits der klassischen Radfahrstädte Münster und Freiburg viel bewege.
Wuppertal, Kassel, Mönchengladbach und sogar Chemnitz! "Klassische Radfahrstädte" seien Münster und Freiburg.

Angesichts der Verhältnisse hier kann ich verstehen, dass Greifswald jenseits des Horizonts der "klassischen Fahrradstädte" liegt...


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