Dienstag, 25. April 2017

Im Ausland zum Glück kaum bekannt

Bessere Argumente als die, die Götz Aly im heutigen OZ-Interview nennt, kann man für die Ablegung des Namenspatronats für die Universität Greifswald kaum finden. Das große Interview des vor Aly knieenden eob ("Wortgewaltiger Politikwissenschaftler und Journalist") findet sich in der gedruckten Ausgabe. Online können wir nur das übliche halbverstandene und -verdaute Zeug in einem "Artikel" von eob lesen.

"Wir haben keine besseren Demokraten" titelt die OZ - das beste und das eigentlich ausschlaggebende Argument zur Ablegung des Patronats. Menschen sind, laut Lessing, "gemischte Charaktere". Daher taugen sie nicht zur ahistorischen Namensgebung für eine Universität. Gerade deswegen ist "Universität Greifswald" ausreichend - jedes Patronat bringt erneute Probleme.

Dass Götz Aly fern jeder Realität Märchen erzählt und von der aktuellen Debatte ausschließlich eine vorgefasste Meinung hat, die er ohne Überprüfung ständig erneut exekutiert, insofern genau so geschichtsvergessen argumentiert, wie er es den (ihm unbekannten) Befürwortenden der Namensablegung unterstellt, wird direkt am Anfang deutlich. Über die Befürwortenden der Namensablegung sagt er:

Dabei brauchte er nur in das Organ zu schauen, für das er sich zu einem Interview hergibt: Absolut parteiisch macht die OZ durch ihre Society-Reporterin und ihren Hochleistungsjournalisten Politik zugunsten der Namensbefürwortenden. Seitenweise bekommen letztere das Forum für ihre menschenverachtenden Leserbriefe. Allein diese zu lesen, macht deutlich (würde es selbst Götz Aly deutlich machen), dass sich nicht zwei Parteien gegenüberstehen, die sich nicht mögen, sondern dass die Arndt-Befürwortenden kübelweise Dreck über alle Welt außerhalb ihrer Wagenburg auskippen und ein Argumentationsverhalten an den Tag legen, das verdeutlicht, warum man "Dunkeldeutschland" sagt, wenn man über unsere Region spricht. Es ist leicht empirisch nachzuvollziehen, dass die Arndt-Befürwortenden die antiliberal und totalitaristisch Agierenden sind, denn da hat uns unsere Lokalzeitung mit dem Abdruck der grauenhaften Zuschriften in Gänze - ganz gegen ihren propagandistischen Willen - einen großen Gefallen getan. Der Hass- und Übelegenheitsgestus liegt eindeutig bei den Arndt-Befürwortenden - schade, Herr Aly, dass Sie sich nicht um die Sache gekümmert haben, aber trotzdem drauflosplappern. Sie passen gut in die Zeit der Alternativen Fakten!

Aly argumentiert damit, dass Arndt eben eine ambivalente Person sei. Mit diesem Argument könnten wir jeden zum Namenspatron machen - von Karl-Heinz Semmelbrösel aus Viecherow über Josef Goebbels und Erich Honecker bis hin zu Kim Jong-un. Wenn es nur um die Ambivalenz und den Diskussionsanstoß geht, wie Aly meint...

Und dann beteiligt er sich an der Rosinenpickerei. Dass Arndt Franzosenhasser sei, sei zeitbedingt, sagt Aly (und spricht ihm auch noch Berechtigung dazu aus, weil Napoleon so viele böse Dinge gemacht hat. Warum dann nicht Napoleon als Namenspatron - Ambiguität und Diskussionswürdigkeit hat Napoleon in viel größerem Maße als der drittklassige und international völlig unbedeutende Arndt!). Judenhass ist auch nicht schlimm, sagt Aly; aller Antisemitismus vor dem Holocaust ist okay, sagt Aly. Haben alle gemacht, ist daher in Ordnung, sagt Aly. Alles Negative ist zeitbedingt und damit schon entschuldigt - aber für das angeblich "Positve" ist natürlich nicht die Zeit, sondern Arndt selbst zuständig:
Ein so guter Wissenschaftler kann Aly nicht sein, wenn er die Brüche in seiner Argumentation nicht bemerkt - erst recht nicht, wenn er sie, wie ich ihm unterstelle, nicht bemerken will! Für alle diese Dinge, die Aly nennt, haben sich in der Zeit Arndts sehr viele Menschen eingesetzt; der drittklassige und international unbedeutende Arndt ist nichts weiter als ein Wellenreiter und Trittbrettfahrer. Würde sich der "wortgewaltige" Aly auch in der Sache auskennen (z. B. in der Geschichte des 19. Jahrhunderts), wüsste er das. Allerdings unterstelle ich ihm, dass er das weiß - was die Sache und Götz Aly nicht besser macht.

Eine Falschbehauptung Alys kann nur ich beurteilen, weil ja die ganzen Ossis nie aus Ossiland herausgekommen sind, und daher nicht mitreden dürfen  <Zynismus off>: Aly behauptet, Arndt sei in der BRD hoch geschätzt worden. Das ist nur teilweise richtig, überwiegend falsch. Arndt war vielleicht in der ersten Nachkriegszeit, als viele Nazis die entscheidenden Posten in der BRD besetzten, angesehen. In dieser Zeit wurden auch noch Straßen und Schulen nach ihm benannt. Auch in den entsprechenden Kreisen, die die anderen nationalistischen, geradezu chauvinistischen Romantiker schätzten, die Aly nennt, und die von den nationalkonservativen Burschenschaften auch heute noch unkritisch und ahistorisch verherrlicht werden, wurde er wegen seiner nationalistischen Ansichten "hoch geschätzt". Aber als sich auch Nichtnazis und Nichtnationalkonservative einen Anteil am öffentlichen Diskurs gegen heftigste Widerstände erkämpft hatten, ging es mit Arndts Ansehen steil bergab. Ich habe Arndt nur als Kriegstreiber, Franzosenfresser und Judenhasser kennengelernt, mit dem "Gott, der Eisen wachsen ließ" und "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze". So viel zum "hohen Ansehen" Arndts in der BRD.

Und weiter geht die Rosinenpickerei: Arndt hat ganz schlimme Sachen geschrieben. Aber das drücken wir in den Skat und negieren es einfach. "Unser Ernst" hat offenbar mit der historischen Person nichts zu tun, sondern ist ein Konstrukt zum Streicheln der Seele der Arndt-Befürworter.
Genau: Hitler war ein Betriebsunfall, er hatte mit dem tollen demokratischen Deutschland eigentlich gar nichts zu tun, ist irgendwie passiert, hereingeschneit, völlig unvorhersehbar und grundlos; Aly zufolge sollte die Universität eigentlich "Adolf-Hitler-Universität Greifswald" heißen - so viel Ambiguität und Diskussionswürdigkeit wie der GröFaZ hat nicht einmal Napoleon aufzubieten!

Aber wir können uns beruhigen. Götz Aly sagt selbst:

Wer außerhalb Deutschlands kennt denn Ernst Moritz Arndt?

Damit können wir zufrieden sein; das Patronat abzuschaffen, führt nur zum Herzinfarkt einiger Schreihälse und Krakeeler, ansonsten ist es sowas von unbedeutend und unwichtig, wie der berühmte Sack Reis oder - Götz Aly.

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