Freitag, 3. März 2017

Lesefrüchte

Die Ähnlichkeit [zwischen Voltaire und dem gegenwärtigen Neoliberalismus, U. R.] ist kein Zufall, denn die Ideologie des freien Marktes ist ein Echo der rationalistischen, deistischen Aufklärung nach dem Zuschnitt Voltaires. Beide teilen Grundannahmen wie die Rationalität des Individuums, die individuelle Freiheit, die Toleranz des Marktplatzes, die selbstregulierende Kraft des rationalen Handelns und die mediokratische Elite, die politische und wirtschaftliche Geschicke ganzer Kontinente lenkt. Allerdings wird durch den Markt jeder dieser Werte ökonomisch interpretiert. Die Rationalität wird zur Rationalisierung, die Freiheit zur Deregulierung, die Elite zum Boardroom und Tugend z mwirtschaftlichem Erfolg - ein denaturiertes Spiegelbild der moderaten Aufklärung.
[...]
Neben der realen politischen Bedrohung durch autoritäre Ideen enthält der liberale Traum aber auch eine eigene, innere Bedrohung. Der soziale Sieg des liberalen Traums und sein Enthusiasmus für Innovation, Forschung, Expansion und Fortschritt sind verquickt mit dem Modell von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung, das ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt, damals den Grundstein zu Europas globaler Dominanz legte, inzwischen aber zu einer existentiellen ökologischen und sozialen Bedrohung geführt hat. Wenn die Freiheit des Individuums als die Freiheit interpretiert wird, alles zu tun, was profitabel ist, dann wird sich in einigen Jahrzehnten niemand mehr um das Wohlergehen  des liberalen Traums sorgen müssen - die Überlebenden werden andere Probleme haben.
Philipp Blohm: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie die Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klikma der Gegenwart, München: Hanser 2017, S. 243 + 261


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