Sonntag, 20. Dezember 2015

Leichte Unzufriedenheit

Bei Bündnis 90 / Die Grünen scheint sich eine leichte Unzufriedenheit auszubreiten. Einerseits gibt es Wahlerfolge und besetzte Posten, andererseits offenbar das Empfinden eines theoretischen Defizits. Das eine dürfte mit dem anderen durchaus zusammenhängen, allzu profiliert darf man nicht sein, um mehrheitsfähig zu werden. Das liegt in der Sache.

Zudem haben sich bei den Grünen, ausgelöst durch die Realos, immer mehr neoliberale Tendenzen breit gemacht (Green Economy, Green New Deal) - sind ja in gegenwärtigen Zeiten auch schön bequem und dem Mainstream angepasst: Die Trennung von BIP und Naturausbeutung bedeutet: weiterhin Konsum ohne Ende, und das sogar mit gutem Gewissen.

Ein Grünen-Narrativ ist die Gründung der Partei auf vier Grundsätzen: ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei. Der Pazifismus ist seit der Zustimmung zur Beteiligung am Jugoslawien-Krieg in Frage gestellt; jüngst noch haben sich einige grüne Bundestagsabgeordnete für den Einsatz der Bundeswehr in Syrien ausgesprochen. Das Soziale ist seit der Regierungsbeteiligung der Grünen und der Agenda 21 (Hartz-IV-Gesetzgebung) ebenfalls problematisch. Einzig einige wenige Restformen der Basisdemokratie und die Ökologie haben unangefochten überlebt. Scheinbar.

Seit aber die CDU vor allem in Hinsicht auf Atomkraftwerke noch viel ökologischer ist und ihr Koalitionspartner SPD dafür immer weiter auf Kohleabbau und -verstromung bestehen kann, die Windenergie gern gesehen wird, aber nicht in der Nähe des eigenen Gartenzauns, und die lokalen Funktionsträger für 2060 eventuell vielleicht einzusetzende Atomkraft zur Energiegewinnung (Kernfusion) sind, fehlt da was bei den Grünen.

Was heißt "Ökologie" in Zeiten von Merkel und Hartz IV?

Geäußert haben das Unbehagen am Theoriedefizit der Grünen die Heinrich Böll Stiftung, ein unabhängiger Autor und ein ehemals machtvoller Grüner.

Egon Becker, ein Bildungs- und Nachhaltigkeitsforscher, sucht in seiner jüngsten Publikation nach einer "sozialen Ökologie":



Keine Gesellschaft ohne Natur. Beiträge zur Entwicklung einer Sozialen Ökologie. Herausgegeben von Becker, Egon .   2016 .   500 S.  April 2016 .   978-3-593-50555-8  - Campus Verlag - 39.95 EUR

Jürgen Trittin fordert in seiner jüngsten Publikation einen "ökologischen Materialismus":




Trittin, Jürgen :   Stillstand made in Germany. Ein anderes Land ist möglich! Goldmann Taschenbücher Bd.15878. 2016 .   256 S.  Januar 2016   978-3-442-15878-2. 9.99 EUR

Der wichtigste und lesenswerteste Beitrag zur (hoffentlich langsam entstehenden) grünen Theoriedebatte ist die "politische Ökologie" von Fatheuer/Fuhr/Unmüßig:



Fatheuer, Thomas; Fuhr, Lili; Unmüßig, Barbara: Kritik der Grünen Ökonomie. 2015 .   192 S., 978-3-86581-748-8 - oekom - 14.95 EUR

Es darf mitdiskutiert werden!





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