Mittwoch, 9. Dezember 2015

Der Unterschied zwischen Rostock und Greifswald

In der heutigen OZ findet sich auf S. 2 ein Kommentar von Matthias Koch, den man sich, auf DIN-A2 hochgezogen, an jeder Bushaltestelle vorstellen könnte:

Wohin gehen wir Deutschen, wenn es dunkel und wenn es kalt wird in den Mutterländern der Demokratie? [...] Wer will noch mal? Wer hat noch nicht? Am heutigen Mittwoch sind die Schweizer dran. Auch sie werden wohl den Rechtsnationalen Schub geben. Für Wahlerfolge auf der Nordhalbkugel gibt es derzeit ein einfaches Rezept: Man nehme das eigene Volk und lasse es hochleben, setze Minderheiten herab, gebe reichlich Abschottungsmentalität hinzu — und würze alles mit einem kräftigen Schuss Islamfeindlichkeit. Die so angerührte scharfe Suppe schmeckt allen, überall. Da jubelt der Rentner im osteuropäischen Plattenbau ebenso wie der Farmer in Iowa, wo Mitte Januar die ersten Vorwahlen im US-Präsidentschaftsrennen stattfinden. Weltoffenheit, Toleranz, kluges Zusammenwirken von Nationen über Grenzen hinweg — nie wurde all dies in Wahlkämpfen so gezielt der Lächerlichkeit preisgegeben wie jetzt. [...] In Polen ließ die neue nationalkonservative Ministerpräsidentin die EU-Flagge aus ihrem Amtssitz entfernen — nachdem die EU über Jahrzehnte den Polen geholfen hat. Die Dänen stimmten dieser Tage in einer Volksabstimmung gegen die europäische Justizzusammenarbeit. Die groteske Folge: Dänemark muss im Jahr 2016 Europol verlassen. [...] Donald Trump fordert ein Einreiseverbot für Moslems. Das heißt: Er würde als US-Präsident die Unabhängigkeitserklärung von 1776 auf den Aschehaufen der Geschichte werfen. Damals wurden aus gutem Grund Ungleichbehandlungen entlang von Glaubensgrenzen verboten. Die Franzosen folgten 1789 mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; bei Le Pen ist davon nichts mehr zu hören.

In Hinsicht auf diesen Kommentar ist es schade, dass die Leser_innenzahlen der OZ immer weiter in den Keller gehen.

Schuld daran ist die Einführung der Rente mit 67. Die Irritation begann auf S. 6:



Kein Fragezeichen, kein Konjunktiv: Eine Tatsachenbehauptung. Die Überschrift erfüllt (wie ich bei genauerem Hinsehen später fand) alle Bedingungen einer Lüge. Hey, dachte ich mir, da ist mir ein Beschluss der Bürgerschaft an der Aufmerksamkeit vorbeigehuscht, oder was? Der berüchtigte eob hat mal wieder seinen investigativen Journalismus der sehr eigenen (ins griechische übertragen: idiotischen) Art betrieben. Ich war gespannt auf den Lokalteil, und da hat es mich dann überwältigt: Die komplette erste Seite mit riesigem Foto handelt von der Umwandlung des Doms in einen Mitwohnungskomplex dem Umbau der "alten" Mensa in eine Tiefgarage. Niemand hat in der Bürgerschaft dahingehende Beschlüsse vorbereitet, geschweige denn: gefasst. Studentenwerksgeschäftsführerin Dr. Cornelia Wolf-Körnert hat lediglich gesagt, dass ein Umbau zur "Kulturmensa" (der vorherige Plan der Jungpolitiker Rodatos / von Malottki) für das Studentenwerk zu teuer sei. Der Chef der Greifswalder Parkraumbewirtschaftungsgesellschaft, Detlef Borchert, hält die Idee des Parkhauses für Unsinn (womit er vermutlich recht hat; wenn jemand die "alte" Mensa von innen kennt, weiß ersiees, wie gut sie als Parkhaus geeignet ist...).

Einzige Quelle für den Kontofüller von eob ist das oben erwähnte Pärchen Rodatos/von Malottki, das nach dem ich weiß nicht wievielten Bier im Sofa auf eine neue Idee kam, wie es mit abstrusen Plänen die Kommunalpolitik Greifswalds bereichern kann.

Wunderbar: Die "beiden jungen Männer" (Zitat des offenbar großväterliche Gefühle empfindenden eob) haben eine Idee, dass man aus dem Hafenbecken in Ladebow eine Bereichsbibliothek machen kann aus einer Mensa ein Parkhaus machen kann (und lachen sich vermutlich scheckig dabei), und schon ist die erste Seite Lokales Dank Großvater eob voll!

Deutlicher kann man den Unterschied zwischen Journalismus und Lokal"berichterstattung" nicht mehr zeigen.





Keine Kommentare:

Kommentar posten