Mittwoch, 4. November 2015

Die Verantwortung des Lokaljournalismus [Teil II]

In diesem zweiten Teil muss die Berichterstattung der OZ zur Notunterkunft Pufferunterkunft für Geflüchtete, wie die Turnhalle neuerdings vom Landkreis genannt, kritisiert werden.

Am 02.11.15 berichtete die OZ über den Unmut der in der Feldstraße in Greifswald untergebrachten Flüchtlinge, die mit ihrer Situation unzufrieden waren und sind. Eines von vielen Problemen war auch tatsächlich die Essensversorgung. Heute schaffte es die OZ zu titeln "Rindergulasch und Reis satt". Wer nur die Überschrift liest, muss doch den Eindruck gewinnen, die Proteste der Geflüchteten gingen zu weit und an der Realität vorbei.

Und wenn dauernd von Forderungen der Geflüchteten die Rede ist, die lediglich ihre katatrophale Situation beschreiben und Änderungen erbeten, ermuntert es natürlich einen Axel Hochschild, drauflos zu poltern. Nicht dass er jemals einen begründeten Anlass für seine pressewirksamen Ausfälle gebraucht hätte, aber seine heutigen, in der OZ wiedergebenen, Äußerungen sind doch erstaunlich, da er sich niemals ein Bild vor Ort gemacht hatte. Dennoch wird er wie folgt zitiert:

"Axel Hochschild, Fraktionschef der Christdemokraten in der Greifswalder Bürgerschaft, äußerte unterdessen Unverständnis für die Forderungen der Flüchtlinge. „Jungen Männern, die vor Krieg, Tod und Gewalt fliehen, ist es doch wohl zuzumuten, einige Wochen in einer beheizten Turnhalle mit täglich drei Mahlzeiten zu leben“, schreibt er. [...] Aber mit überzogenen Ansprüchen kann man letztlich die Hilfeleistenden überfordern. Aus einer Willkommenskultur wird dann eine Überforderungskultur“, meint Axel Hochschild."

Die Frage, ob er (Hochschild) jemals in der Turnhalle war, liegt doch nahe und hätte seine Aussagen relativiert, wäre sie gestellt worden. So wird von Hochschild Stimmung gegen Geflüchtete gemacht. Diese Sätze sind für 100 weitere "besorgte Bürger" und Mitdemonstranten bei den FFDG-Demos gut. Die Wirkung von Hochschilds Worten und der Berichterstattung über die "Forderungen" der Geflüchteten lässt sich mit einem Blick in die Facebook-Gruppen "Greifswald aktuell" und "Was Greifswald bewegt" erahnen. Da nicht jede/r bei FB unterwegs ist, ein Beispiel aus einem Kommentar [Fehler im Original]:

"Das sollen traumatisierte Kriegsflüchtlinge sein? Solln doch über unsere Solidarität, dankbar sein. .Kein Krieg, eine Beheizte Unterkunft mit drei Mahlzeiten! Was solln unsere traumatisierten Obdachlose sagen. .. Die wären froh über solche Hilfe! Bei denen heißt es, wenn Sie für eine Mahlzeit oder so betteln, solln arbeiten gehn.. usw! Die sogenannten Flüchtlinge besitzen Handys, bekommen Geld, dind alle gut genährt, gut gekleidet, gestylt und keine Spur von Dankbarkeit! Im Gegenteil, noch Anforderungen hier stellen! Einfach kein Respekt!"

Ähnliches und Schlimmeres ist zu lesen. Zu den Forderungen der Geflüchteten, die doch so dankbar sein sollen [was sie im Übrigen sind], noch zwei Anmerkungen. Natürlich merken auch die Geflüchteten, dass die Hilfe in der Turnhalle letztlich nur durch die ehrenamtlichen HelferInnen (Riesigen Dank!) gewährleistet ist und sich an ihrer Situation seit Wochen nichts ändert, obwohl ihnen zumindest Besserung ständig angedeutet wurde und wird. Und nur zur Erinnerung: Der Anspruch auf ein menschenwürdiges Existenzminimum steht auch Geflüchteten zu. Dies ist ein Grund- und Menschenrecht und keine (unberechtigte, wie es oftmals durchklingt) Forderung. Die Einhaltung der Menschenwürde verlangt mehr als ein Ausharren in einer Turnhalle über Wochen ohne konkrete Perspektive und ohne jegliche Privatsphäre.


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